| Rede Claudia Rüegg |
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Claudia Rüegg zur Ausstellungseröffnung von „reflecting“ – Rahel Müller im neuen shed im Eisenwerk Frauenfeld, 5. September 2010
Zwei tanzende Mädchen vor „reflecting cloud“
Wie ging es Ihnen beim Eintritt in diesen Raum? Ich selber erlebte wieder diese Wahrnehmungs-Überraschung: auf dem Weg durch diesen schmalen, sehr weissen Gang hatte ich das Gefühl, durch einen feinen Nebel zu gehen, kurz bildete ich mir sogar ein, dass mich etwas in Hals und Nase kitzelt. Eine Täuschung der Sinne, ich weiss, die Luft war klar – und doch legte sich dieser feine, dunstige Filter vor meinen Blick, zuviel Weiss auf der Netzhaut, eine Art der Helligkeit, die sich sofort mit der Vorstellung von Nebel vermischt.
Der Zugang zur Halle durch die Nebenräume
„Nebel“ war auch das Wort, das nach meinem ersten Besuch von Rahel Müllers Sommeratelier hier im Shed während einigen Tagen immer wieder in mir aufstieg – vielleicht ein Nachklang von „pending space“, der damals bereits installierte Vliesraum hier im Zentrum, sicher aber eine Reaktion auf eine spezifische Qualität, die alle Werke von Rahel Müller in sich tragen. Ich möchte unter anderem diesem Begriff etwas nachgehen... Lassen Sie sich darum zur Einstimmung auf eine kleine Gedankenreise mitnehmen: ich sitze im Zug, fahre durch eine vertraute Landschaft und schaue einfach aus dem Fenster. Es ist neblig. Nicht dieser schreckliche Hochnebel, der Licht und Farben verschluckt, sondern ich sehe vom Boden aufsteigende Nebelschwaden, die sich wie Schleier vor Häuser, Bäume, Felder, Wälder legen. Die Farbigkeit verblasst, die Landschaft wird zum Kaleidoskop von Licht und Schatten. In diesem Spiel sehe ich vielleicht zum ersten Mal, sicher aber zum ersten Mal bewusst die spezielle Anordnung einer Baumgruppe, den eleganten Schwung eines im Nebel schwebenden Baumstamms oder die überraschende Form, die der Dachaufbau eines schon tausendmal gesehenen Hauses vor dem weissen Hintergrund bildet. In Dunst oder Nebel zeigt sich die Topographie in ihrer Tiefenstaffelung, das Bild der Landschaft vor meinem Zugfenster wird räumlich, scheint sich in die Tiefe zu dehnen, meine Augen beginnen zu wandern. – Hie und da versuche ich später, an einem anderen sonnigen Tag, meine Neuentdeckungen wieder zu sehen, manchmal gelingts, oft auch nicht. Der Nebel hat die Landschaft neu interpretiert und sie in Schichten aufgefächert, er verdeckt und hebt hervor, der Blick wird geführt und gefiltert und es werden Sichten ermöglicht, von denen ich später noch weiss und die ich in mir trage, die sich jedoch mit dem Nebel verflüchtigen.
Textstreifeninstallation und Fotografie “In the silence between sonds, I listen“
Rahel Müller schafft solche Nebelgebiete der Wahrnehmung. Sie wirft jedoch keine Nebelpetarden, nein, sie arbeitet mit den Werkzeugen der Künstlerin: mit Beobachtung, Reflexion, Handwerk, Intuition und Imagination. Rahel arbeitet auf Leinwand, Filmmaterial und Papier, mit Pinsel, Fundstücken, Fotokamera, Computer und ist dabei ganz Handwerkerin, die ihre Materialien, Werkzeuge und Methoden kennen und ergründen will und muss. Aus diesem Konkreten, Erdgebundenen, Schwerfälligen, Materiellen aber generiert sie eine Atmosphäre des Schwebenden, der Schwerelosigkeit und Auflösung. Ganz Künstlerin. Das ist ein Prozess des Beobachtens und Reflektierens, geleitet von Imaginationskraft und Intuition – ein oft langwieriger und hie und da schmerzhafter Weg, den ich teilweise, wenn auch aus Distanz, miterleben durfte. „Ich ha nomol am Bild male müesse. Aber jetzt isch es fertig“ man könnte auch einsetzen: den Text überarbeiten, die Fotografie weiter bearbeiten müssen... – ist eine Botschaft, die ich in den vergangenen Jahren hie und da von Rahel hörte, am Telefon. Und wahrscheinlich meinte dieses – doch eigentlich etwas rätselhafte „jetzt isch es fertig!“, denn: wann ist fertig? - dass da etwas vor ihr auf dem Arbeitstisch lag, das die Vielschichtigkeit und Zartheit von Nebellandschaften in sich trug.
Ausschnitt der Wand mit „lady whiteface“ und unten „table“
=> „lady whiteface“: im Internet gefundene Portraits des Abschlussjahrgangs 1957, aus dem Jahrbuch einer amerikanischen Universität. Werke digital bearbeitet und übermalt. Dabei werden die Grenzen der Auflösung ergründet: wieviel Bildinformation kann weggenommen werden ohne die Individualität – der stereotyp aufgenommenen Bilder – zu verlieren? Was übrig bleibt an Abbildung wirkt äusserst fragil, Erscheinungen, die durch eine zu heftige Bewegung einfach verschwinden könnten...
Rahel Müllers Arbeiten sind vielschichtig in jedem Sinne des Wortes. Ob Farben, Pixel, Pigmente, Vlies, Wörter, Fundstücke, die Materialien und Bedeutungsfelder sind überlagert und geschichtet. Die Schichten verdecken und beleuchten sich gegenseitig. Und immer bewahren sie sich einen Rest an Transparenz – wie wir das am „pending space“ beobachten können. Damit liegt die Vielschichtigkeit offen vor uns – und macht den raschen Zugriff auf das Werk, „das Erfassen in einem Blick“, unmöglich. Die Werke entfalten sich, in Begegnung und Wiederbegegnung erst in der Zeit.
22 Fotografien „In the silence between sounds, I listen“
=> „In the silence between sounds, I listen“: Mit Belichtungszeiten zwischen 2 und 30 Sekunden aufgenommen, sind die fotografischen Arbeiten von Rahel Müller eigentlich geschichtete Zeit oder „Kurzfilme in einem Bild“. Rahel spricht denn auch von „komprimierten Filmen“. Insbesondere mit Fotoarbeiten wie denjenigen der Serie „In the silence between sounds, I listen“, ist es mir immer wieder so ergangen, dass ich ein Bild bei einem späteren Atelierbesuch nicht mehr so vorfand, wie es sich mir eingeprägt hatte. Ich erkannte neue, manchmal überraschende Dinge – und musste frühere Ansichten aus der Erinnerung rekonstruieren. Die Lichtverhältnisse, der Blickwinkel oder meine Stimmung hatten mich in unterschiedliche Bildschichten geführt.
„pending space“ Impression
Aus den Schichten des zweidimensionalen Bildes wächst aber auch Räumlichkeit – wiederum vergleichbar mit derjenigen der Rauminstallation „pending space“ – in die ich als Betrachterin eintreten kann. In der Bewegung im Bildraum und in den Übergängen zwischen den Bildschichten findet man sich dann plötzlich in einem sanft verspielten Wirbel von Andeutungen, Bedeutungen, Widerhaken und persönlichen Erinnerungen wieder. Die Bewegung im Bild stösst eine innere Bewegung an. Vielleicht so, wie Rahel hie und da die grosse amerikanische Malerin Agnes Martin zitiert: „ Es ist nicht, was man sieht. Es ist, was man im Inneren seit jeher weiss.“
Einige der 13 „standing still“
=> „standing still“: Beim Betrachten dieser Werkgruppe wurde mir dieses innere Bewegtwerden deutlich bewusst: diese Arbeiten machten mir spürbar, wie das Gesehene / Äussere mit dem Eigenen / Inneren in eine Oszillation geraten. Ich sah den Fries, betrachtete die Kompositionen der einzelnen Bildtafeln, das Spiel der Formen und Farben und blieb schliesslich an den Fotografien hängen – die so oder ähnlich wohl in vielen Familienalben zu finden sind. Die Motive sind in gewisser Weise archetypisch, sie zeugen von der zentralen Bedeutung, die Gemeinschaft und Familie für uns Menschen haben, von unserer Sehnsucht nach der Schönheit von Landschaften und Dingen, vom Wunsch in die Lüfte abheben zu können... Eigene Erinnerungsbilder knüpften sich an das Gesehene. Die Collageelemente und farbigen Übermalungen erschlossen sich mir nicht intellektuell, als eine bestimmte Ordnung, eher als ein Geruch, der eine ganze Szenerie nicht in ihrem Geschehen, sondern vielmehr in ihrem emotionalen Gehalt wiederaufleben lassen. „standing still“ verwickelte mich in einen Dialog. Ich sah, erinnerte, eigene Bilder traten in Beziehung zu den Fotoprints, ich verglich, dachte nach. In der anonymen Anlage der Werke spiegelten sich Teile meiner eigenen Geschichte. Reflecting, der Titel der Ausstellung bedeutet ja beides: nachdenken und spiegeln.
Und das ist auch Poesie Unlängst plädierte einer der grossen Schweizer Kunstwissenschafter und Kuratoren, Jean-Christophe Ammann für die „Kunst als Poesie“ und erläuterte:„Es geht darum, das Unmittelbare zu sehen und es in Verbindung zu bringen mit anderen Sichtweisen, mit solchen, die eine emotionale Aufgeladenheit besitzen. Man muss nichts erfinden: Es geht darum, uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potenziell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen. Das ist das Poetische.“ Diese Fähigkeit „uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potenziell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen.“ ist eine der besonderen Fähigkeiten von Rahel Müller. Ihre Arbeiten sprechen von der Welt, die wir in uns tragen und damit von unseren Sehnsüchten nach Schönheit, Intimität, Zartheit, Verspieltheit oder dem Aufgehen in einer Tätigkeit – dabei muss ich natürlich an „zone 5“ denken, eine der Malereien mit Punkten, in der dieses „Versinken in einer Tätigkeit“ gewissermassen ins Bild gebannt ist: ich sehe dieses Bild und ich stelle mir vor, nein: ich spüre, wie wunderbar man sich im Malen dieser unendlich vielen Punkte verlieren kann. Eine Welt, die wir in uns tragen…
Malerei „zone 5“
– Und Rahel Müller führt uns mit manchmal hinterlistigem Witz vor, wie Gewohnheiten uns hindern können zu sehen...
„reflecting cloud“ bei Vormittagslicht
=> „reflecting cloud“: Die 270 Rundspiegelchen auf der rauen Wand reflektieren den Raum und das Licht. In winzigen Ausschnitten sieht man teilweise sehr überraschende Dinge, Raumdetails, Farb- oder Lichtspiele. Die Sache ist nur: möchte man sich eines dieser Detailbilder genauer ansehen und nähert sich einem bestimmten Spiegelchen – ändert sich mit der Bewegung der Bildausschnitt, und zwar komplett. Was eben noch da war, ist fort. Die Frage ist nun: wie gehe ich mit der zur Gewohnheit gewordenen Erfahrung um, dass das Nähertreten normalerweise bedeutet, auch besser oder mehr sehen zu können? Hier jedenfalls gilt: Sich auf die Sache zu zu bewegen, heisst, sie zu verlieren. Ich kann dabei Neues entdecken. Wenn ich es sehen kann.
Diese Arbeit verwickelt die Betrachtenden in ein Spiel und in eine Reihe zuerst ganz einfacher Fragen: wo muss ich mich hinstellen, um diese bestimmte Ecke im Spiegel sehen zu können? In welchem Spiegel zeigt sie sich in besonders schönem Licht? – Und dann wirds rasch komplizierter: Wieso ums Himmels Willen möcht ich die Ecke lieber im Spiegel betrachten, als sie mir einfach so mal anzuschauen? Wär ja auch möglich! Oder: was bedeutet dieses eigenartige Zurückweichen, wenn ich (ein Teil meiner Lippen, eine Haarsträhne oder der Nasenrücken) zufällig selber ins Spiegelbild gerate? Auch hier: das Werk ist nicht die Antwort. Es ist ein Erfahrungsraum, offen und öffnend, aus dem Fragen aufsteigen können. Poesie.
„table“ Nachtfoto mit Bewegung
=> „table“: Ich möchte meinen Bogen mit einigen Beobachtungen zur Installation „table“ schliessen. Eine komplexe und auch raue Arbeit und ein Echo auf eine frühere Arbeit von Rahel Müller. Unter dem Titel „Du trägst den Himmel in dir“ hat sie bereits 1994 auf diesem Boden eine Installation mit 77 Wachsschalen, Wasser und weisser Schrift geschaffen. Ich kenne dieser Arbeit nur von einer Dokumentationsfotografie – sie wirkt äusserst fragil, die Schalen scheinen zu schweben und sind in einer strengen Ordnung aufgestellt. Insgesamt eine Arbeit der äussersten Reduktion, auf der Schwelle zwischen Material und Immateriellem. „table“ ist opulenter, vielschichtiger und vieldeutiger – und damit schwieriger zu fassen, riskanter. Dieses Werk verbindet mich mit meiner Biografie, wenn mich viele der 140 Gefässe, an Gerätschaften aus den Küchen meiner zwei Grossmütter erinnern. In dieser Installation haben die Gefässe jedoch ihren ursprünglichen Sinn – als Form für den Reis- oder Griessring oder als hübsch geschwungenes Teesieb – verloren und zum ursprünglichsten Zweck von Gefässen zurückgefunden: in ihnen sammelt sich Wasser. Darüber hinaus sind sie Form, spiegelndes Material und Punktemalerei auf einem übergrossen Bildträger, diesen dunklen Holzdielen. Ich kann die Installation als lose, aber sehr rhythmisch strukturiertes Gesamtbild fassen, mich daran entlang bewegen, ein einzelnes Objekt ins Visier nehmen, Geschichten erinnern oder mich in einer der silbrigen Flächen spiegeln – doch nicht ganz: ein feiner Nebel überzieht den Gefässgrund. In einem wochenlangen Prozess ist Wasser verdunstet, zurück bleibt der Kalk. Und hier sind wir wieder: Komprimierte Zeit. Malerei. Poesie.
Claudia Rüegg, 5. September 2010
„table“ Nachtfoto mit Bewegung |













